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Akademischer Filmclub an der Universität Freiburg e.V. (seit 1957)

Terror 2000 – Intensivstation Deutschland

Regie: Christoph Schlingensief Buch: Christoph Schlingensief, Oskar Roehler, Uli Hanisch Kamera: Reinhard Köcher Musik: Kambiz Giahi, Jacques Arr Darsteller: Peter Kern, Margit Carstensen, Alfred Edel, Udo Kier, Artur Albrecht, Kalle Mews, Christoph Schlingensief, Irmgard Freifrau Baronin von Berswordt Wallrabe Produktion: DK, 1992 Länge: 75 min. Fassung: BluRay, Dt. OV

In den frühen Neunzigern war die Asyldebatte eines der bestimmenden Themen in der Bundespolitik. Schon seit Jahren setzten sich die Unionsparteien für eine Verschärfung der Asylgesetze ein, um so genannte Wirtschaftsflüchtlinge abzuwehren. Mit Hilfe der Medien, vor allem der Bild-Zeitung und der Welt am Sonntag, wurde ein ausländerfeindliches Klima geschaffen, das ab 1991 zu zahlreichen rassistischen Gewalttaten führte und im August 1992 in den Pogromen von Rostock-Lichtenhagen gipfelte. Obwohl vorher von verschiedener Seite gewarnt, dass sich die aufgeheizte Situation in Rostock gewaltsam entladen könnte, änderten die zuständigen Behörden nichts an der akuten Lage der Flüchtlinge. Vieles deutete darauf hin, dass ein Exempel statuiert worden war. Tatsächlich gab die SPD anschließend ihre langjährige Opposition zur Änderung des Grundgesetzes in der Asylfrage auf. Der damalige Rostocker Ausländerbeauftragte sagte: „Wenn der Deutsche wählen kann zwischen Unordnung und Unrecht, dann wählt er Unrecht.“

Was zeitgeschichtlich in linearer Logik erzählbar ist, entzieht sich ihr in Terror 2000 , der noch vor Rostock entstand, vollständig. Hier wird keine Geschichte mehr gemacht, hier regiert das Chaos. In einem ostdeutschen Kaff namens Rassau haben Nazis unter Anführung zweier ehemaliger Geiseldramatiker von Gladbeck eine Herrschaft errichtet, die diverse Polen, Transve- stiten, Asylbewerber etc. nicht überleben. Alle Menschen sind hier Schweine (vielleicht der Link nach Gladbeck, einem besonders anschaulichen Beispiel der Schweinswerdung des Menschen), metzeln sich ab und scheißen sich an, ohne auch nur einen Moment der Besinnung. Der Kampf für Ordnung wird zur Farce. Diese Unlogik der Barbarei wird üblicherweise von den Mächtigen und im Anschluss von den Rezipienten (z.B. Filmemachern oder Artikelschreibern) in ein Logik-Korsett gezwängt. Schlingensief dagegen setzt sie frei und verhilft der Unordnung zu ihrem Recht, damit aus ihrer Unterdrückung kein Unrecht erwächst. Terror 2000 ist, um mit Filmkritiker Georg Seeßlen eine Fußballmetapher zu bemühen „ein Befreiungsschlag [...] um das Match zwischen deutschem Film und deutscher Wirklichkeit dramatisch zu erhalten.“

Eine sehr gute Doku über die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen: https://www.youtube.com/watch?v=nE45p6bD5T8

Text: Maximilian Becker

Spieltermin:
Montag, 30.06.2014 20:00 Uhr, Hörsaal 2006

Gezeigt im Rahmen der Filmreihe:
Alternative gegen Deutschland
Christoph Schlingensiefs Deutschland-Trilogie
 Montag  16.06.2014  20:00 Uhr  Dt. OV  100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker
 Donnerstag  26.06.2014  20:00 Uhr  Dt. OV  Das deutsche Kettensägenmassaker – Die erste Stunde der Wiedervereinigung
 Montag  30.06.2014  20:00 Uhr  Dt. OV  Terror 2000 – Intensivstation Deutschland
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