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Akademischer Filmclub an der Universität Freiburg e.V. (seit 1957)

Der neue deutsche Heimatfilm

Filme dieser Reihe:
 Dienstag  01.07.2008  20:00 Uhr    Yella
 Dienstag  08.07.2008  20:00 Uhr    Beste Zeit
 Dienstag  15.07.2008  19:45 Uhr    Beste Gegend
 Dienstag  22.07.2008  19:45 Uhr    Schwarzwaldmädel
Braune Kühe, blaue Berge, Maiden im kurzen Dirndl und unschuldige Bauernsöhne?
Die Wiederkehr des Heimatfilms, die sich seit einigen Jahren unauffällig vollzieht, belebt ein tot geglaubtes Filmgenre neu, wenn auch unter erweiterten Vorzeichen
. Während an den Wochenenden einige billig produzierte Fernsehfilme tatsächlich direkt an die kitschigen Vorbilder der fünfziger Jahre anknüpfen, kann man durchaus auch im Bereich des anspruchsvollen neuen Filmschaffens von einer Wiederkehr lange Zeit vernachlässigter Themen sprechen: Eine Reihe junger deutschsprachiger Filmemacher entdeckt nach all den Großstadtfilmen, die vorzugsweise in München, Hamburg und vor allem unermüdlich in Berlin spielten, das Leben jenseits der Ballungsräume. Aber im Gegensatz zu den süßlichen Originalen aus den 50ern und ihren heutigen Privatsender-Remakes bereichern sie das Genre um neue Themen und Perspektiven.

Damals bot die Unterhaltungsindustrie 90-minütige Fluchten aus der deutschen Nachkriegstristesse an. Statt Armut und Kriegsruinen (und der Aufarbeitung der NS-Zeit, für die sich damals nur wenige Filmemacher interessierten) erschuf das Kino eine heile ländliche Welt, und das Publikum nahm dieses eskapistische Angebot dankbar an: Superstars wie Rudolf Prack, Sonja Ziemann oder Paul Hörbiger waren die deutsche Alternative zu den fernen Hollywoodstars, statt Rock'n'Roll wurden Schlager gesungen, thematisch umkreisten die Filme immer wiederkehrende Konstellationen, hierbei den Farmergeschichten des Westerns manchmal verblüffend nahe. In beiden Genres bildet die Landschaft einen wichtigen Hauptdarsteller, statt des legendären Death Valley war es im Heimatfilm das idyllische Alpenpanorama mit hohen Bergen und grasgrünen Wiesen, munteren Gebirgsbächen und immer wieder dem dichten, deutschen Wald – der an die glücklichen alten Zeiten vor dem ganzen Schlamassel erinnerte, als der Germane noch im dunklen Tann hockte und sich höchstens um die vordringenden Römer Gedanken machen musste.

Die alten Heimatfilme spiegeln auf faszinierende Weise die Sehnsüchte und Fluchtgedanken der Nachkriegszeit wider, visuell sind einige der Filme verblüffend gut gemacht, während die naiven Geschichten um tapfere Jäger, finstere Wilderer, hübsche Mägde (blond) und böse Verführer (dunkelhaarig) stets um Jagdgeschichten, Erbschaftsfragen oder Heiratsversprechen kreisen und oft wenig Raffinesse bieten. Diese alten Filme spielen vorzugsweise in einem eigenartigen, geschichtslosen Raum, Jahreszahlen und andere Festlegungen wurden peinlichst vermieden. Oft war es ein diffuses 19. Jahrhundert, in dem Trachten getragen werden, gelegentlich aber auch moderne Schusswaffen, ein zeitgenössischer Gast aus der fernen Stadt oder ein Automobil auftaucht. Die heile Welt birgt bei aller Harmlosigkeit nicht selten einen unterschwelligen Rassismus und eine antimoderne und ausländerfeindliche Grundhaltung - aus der Volksgemeinschaft wurde die Dorfgemeinschaft, der Fremde bringt Unheil, und auch aus der fernen Stadt kommt selten etwas Gutes. Neben den düsteren Dramen jedoch gab es auch den heiteren Heimatfilm, in dem gesungen wurde und die künftigen Schlagerstars und Schauspieler, die in den kommenden Jahrzehnten Fernsehgeschichte schreiben sollten, ihre ersten Sporen verdienten. Eines der ersten und zugleich schönsten Beispiele für diese beschwingtere Spielart des Heimatfilms stellt der erste deutsche Farbfilm der Nachkriegszeit dar: Schwarzwaldmädel aus dem Jahr 1950, in dem die drei bereits genannten Stars gemeinsam auftreten. Unter uns gesagt: Ein Muss für jeden Freiburger Studierenden, der dieses Schwarzwaldepos noch nicht gesehen haben sollte.

Seit ein paar Jahren ist bei einer jüngeren Generation von Filmschaffenden ein verstärktes Interesse an der filmischen Rückeroberung des ländlichen Raumes zu beobachten, unter modernen Vorzeichen und mit weltoffenerer Gesinnung. Führende Vertreter dieser neuen Generation von „Heimatforschern“ sind vor allem Hans Steinbichler, dessen epische Heimatfilme Hierankl (2003) und Winterreise der aka letztes Jahr im Programm hatte, und der Kinomagier Marcus H. Rosenmüller, dessen verspielter Geniestreich Wer früher stirbt, ist länger tot (2006) wir bereits zwei Mal gezeigt haben. Von Rosenmüllers geplanter Heimattrilogie hat er bereits zwei Filme fertig gestellt, Beste Zeit (2007) entwarf einen neuen Figurenkosmos in der bayrischen Provinz, unmittelbar gefolgt von Beste Gegend, der anhand zweier junger Mädchen den Zwiespalt zwischen Flüchten und Daheimbleiben thematisiert.

Aber auch Christian Petzolds jüngstes Meisterstück Yella stellt Fragen nach Heimat und Identität, wenn die Protagonistin sich fragt, ob sie in der heimischen ostdeutschen Provinz bleiben oder ihre Arbeitskraft in den kapitalistisch-kalten Westen verkaufen soll. Aber auch der Dokumentarfilm erschließt sich den ländlichen Raum, wie Sung-Hyung Chos mitreißende Studie über das Full Metal Village (ein großer Erfolg im letzten aka-Programm), der Film einer in Deutschland lebenden Südkoreanerin, der ironisch den bezeichnenden Untertitel „Ein Heimatfilm“ trägt.

Die Thematisierung der Provinz ohne filmische Provinzialität, Heimat als Stoff ohne rassistische und nationalistische Untertöne oder eskapistische Züge wie in den 50ern, und nunmehr erweitert um Migrantenperspektiven und um deutschdeutsche Identifikationsfragen nach der Wiedervereinigung - die filmische Wiederentdeckung des Dorflebens (aber auch des Kiez als heimisches Gefilde) und seine Verortung als identitätsstiftender Raum, begleitet von einer spielerischen Auseinandersetzung mit dem rätselhaft mäandernden Begriff „Heimat“, stellt eine faszinierende Bereicherung des aktuellen Filmschaffens dar - wir dürfen gespannt sein, wo die nächste Milchkanne umkippt!

Text: Alexander Sancho-Rauschel

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