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Akademischer Filmclub an der Universität Freiburg e.V. (seit 1957)

Jean-Pierre und Luc Dardenne

Filme dieser Reihe:
 Freitag  26.10.2012  20:00 Uhr  DF  Der Junge mit dem Fahrrad
 Freitag  02.11.2012  20:00 Uhr  Fr. OmU  Lornas Schweigen
 Freitag  09.11.2012  20:00 Uhr  Fr. OmU  Das Kind
 Freitag  16.11.2012  20:00 Uhr  Fr. OmU  Das Versprechen

"Moralische Fabeln aus der Unterschicht"

Ein trister Vorort der Industriestadt Seraing in der belgischen Provinz Lüttich. Hier zeigt sich die Kehrseite des schönen Europas: Hässliche Wohnblocks, heruntergekommene Spelunken, schmuddelige Billigläden, gleichförmige Ausfallstraßen. Menschen am Rande der Gesellschaft, Verlierer der Globalisierungs- und Wohlstandsgesellschaft, einfache Arbeiter, papierlose Immigranten. Menschen ohne Zukunft, ohne viel Hoffnung, mit dem schlichten Wunsch ihr Leben irgendwie zu verbessern.
So oder so ähnlich sieht das Setting der Filme der Dardenne-Brüder aus, die zu den bedeutendsten
Autorenfilmern des zeitgenössischen Kinos zählen. Jean-Pierre und Luc Dardenne, geboren 1951 und 1954, wuchsen beide selbst in der Stahlarbeiterstadt Seraing auf. In den 1970er und 80ern begannen sie dort gemeinsam Dokumentarfilme über das Leben der ansässigen Arbeiterschaft zu drehen. Jean-Pierre hatte Dramaturgie, Luc Philosophie studiert, die Kombination der beiden Fachrichtungen bildet die Grundlage ihres filmischen Schaffens, in dessen Mittelpunkt von der Gesellschaft ausgestoßene, emotional verarmte Menschen stehen, die mit allen Mitteln versuchen, ihr tristes Leben aufzupolieren und dabei unter ökonomischen Zwängen oftmals in moralische Engpässe geraten. Mit Falsch, ihrem ersten Spielfilm wandten sie sich 1986 vom reinen Dokumentarfilm ab, um von nun an mit fiktionalisierten Stoffen der „dokumentarischen Wahrheit“ näher zu kommen als im teilnehmend beobachtenden Dokumentarfilm.

1996 bescherte Ihnen La Promesse, in der eine vielschichtige Vater-Sohn-Beziehung thematisiert wird, den internationalen Durchbruch und manifestierte ihren reduzierten, naturalistischen Stil. Ihr nächstes Werk, Rosetta, wurde ebenfalls wie fünf Jahre später L’enfant, eine eindringliche Geschichte über einen jungen Mann, der gewissenlos sein eigenes Kind verkauft, auf den Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Auch mit Lornas Schweigen, in dem eine Albanerin zur Erlangung der belgischen Staatsbürgerschaft in die Kriminalität abdriftet, waren die Brüder 2008 wieder in Cannes vertreten. Der Junge mit dem Fahrrad schließlich, der neueste Film der Dardenne-Brüder, begleitet einen verlassenen Jungen auf der Suche nach seinem egoistischen Vater.

In ihren Filmen zeichnen Jean-Pierre und Luc Dardenne präzise Gesellschaftsbilder, die sich der
simplen Sozialkritik verwehren. Mit einfachsten und doch kunstvollen inszenatorischen Mitteln
werden die Arbeits- und Beziehungswelten von Menschen beleuchtet. Anders als in sonstigen
sozialkritischen Filmen, die oft als Milieustudien angelegt sind, steht stets die persönliche prekäre Lebenssituation der Figuren mit ihren konkreten Konflikten und Gefühlen im Zentrum. Die Kameraaufnahmen, meist nah am Körper von einer unruhigen Handkamera eingefangen, sind dabei nicht wertend oder gar erklärend. Die Dialoge beschränken sich auf das Nötigste, das Hauptaugenmerk liegt auf den Gesten, dem Körperspiel der Protagonisten. Musik, die sonst in Filmen bestimmte Stimmungen betont und hervorruft, fehlt im Großteil der Filme komplett. Der Zuschauer ist hier selbst gefordert, sich in die Charaktere hineinzuversetzen, sich seine eigenen Gedanken zu machen, das Gesehene zu durchdenken und einzuordnen.

Text: Eva Notz

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