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Akademischer Filmclub an der Universität Freiburg e.V. (seit 1957)

Alternative gegen Deutschland

Filme dieser Reihe:
 Montag  16.06.2014  20:00 Uhr  Dt. OV  100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker
 Donnerstag  26.06.2014  20:00 Uhr  Dt. OV  Das deutsche Kettensägenmassaker – Die erste Stunde der Wiedervereinigung
 Montag  30.06.2014  20:00 Uhr  Dt. OV  Terror 2000 – Intensivstation Deutschland

Christoph Schlingensiefs Deutschland-Trilogie

Unlängst legte Bundespräsident Joachim Gauck auf der Münchner Sicherheitskonferenz sein Deutschland-Bild dar: „Dies ist ein gutes Deutschland, das beste, das wir jemals hatten. Das auszusprechen, ist keine Schönfärberei. [...] Es ist eine stabile Demokratie, frei und friedliebend, wohlhabend und offen.“ Auch im Umfeld der großen Fußballturniere wird spätestens seit der WM 2006 und seitdem das Nationalteam wieder ein gutes ist, viel Wert darauf gelegt dieses positive Image zu transportieren. Die dunkle Vergangenheit um Adolf (Hitler) und Erich (wahlweise Honecker oder Ribbeck) ist überwunden, Deutschland blüht wieder und schießt wieder Tore. Aber wenn es so vorbildlich ist, dann darf Deutschland natürlich nicht mehr nur Tore schießen, sondern muss sich auch in anderen Krisenherden als dem Strafraum wieder „früher, entschiedener und substantieller einbringen.“ Das Catenaccio in internationalen Konflikten lässt es sonst schnell als „Drückeberger in der Weltgemeinschaft“ da stehen. Die Taktik muss überdacht werden.

Beim Fußball ist es ja ziemlich klar, worum es geht, aber in der Weltpolitik, da kann man sich schon mal fragen, wer eigentlich wo raus soll und rein wohin, und vor allem wieso überhaupt. Dabei ist die Antwort auch hier ziemlich klar. Gauck erläutert: „Im außenpolitischen Vokabular reimt sich Freihandel auf Frieden und Warenaustausch auf Wohlstand.“ Daraus leitet sich ganz natürlich „Deutschlands wichtigstes außenpolitisches Interesse im 21. Jahrhundert ab: dieses Ordnungsgefüge, dieses System zu erhalten und zukunftsfähig zu machen.“ Wegen einer weniger glücklichen Formulierung des selben Sachverhaltes trat Amtsvorvorgänger Horst Köhler 2010 zurück: Das Runde muss weiter aus den Taschen der Armen als Eckiges in die Taschen der Reichen. Wohlstand, Wohlstand über alles.

Dass der Skandal dieses Mal ausblieb, liegt augenscheinlich an Gaucks in bewährt staatstragender Weinerlichkeit und Behutsamkeit gewählten Worten. So lässt sich das verkaufen. Aus der Werbung wissen wir: Mit der richtigen Verpackung und ein bisschen Schönfärberei lässt sich alles verkaufen. Da bleibt auch Deutschland konsumierbar, also im WM-Kontext begröhl- und mit Fähnchen bewedelbar, wenn es ein paar Afrikaner abknallt, um die Handelsrouten frei zu halten. Oder wenn es anderen Staaten ein gnadenloses Sparprogramm aufzwingt. Oder wenn es Flüchtlinge im Mittelmeer ersaufen lässt. Oder wenn der Verfassungsschutz Morde an Ausländern unterstützt. Schwamm/Gauck drüber, morgen ist das vergessen.

Insofern ist Christoph Schlingensief der Anti-Gauck. Mit großer Beharrlichkeit arbeitete er daran, Barbarei in deutschem (oder einem anderen) Namen unkonsumierbar zu machen, stets bemüht, nicht von oben herab zu urteilen, sondern das Barbarische auch in sich selbst wahrzunehmen und abzunutzen. In seiner Deutschland-Trilogie, die zwischen 1989 und 1992 entstand, befreite er zunächst den Untergang Hitlers und die deutsche Wiedervereinigung von Glanz und Würde und verschweißte anschließend das Gladbecker Geiseldrama mit der Asyldebatte zur endgültigen deutschen Perversion. Leider blieb ihm durch seinen frühen Tod im Jahre 2010 eine Opposition zum aktuell besten Deutschland aller Zeiten verwehrt.

Text: Maximilian Becker

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