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Akademischer Filmclub an der Universität Freiburg e.V. (seit 1957)

Der normierte Mensch

Filme dieser Reihe:
 Mittwoch  18.06.2003  19:15 Uhr  OF  Minority Report
 Dienstag  24.06.2003  19:45 Uhr  OF  Gattaca
 Mittwoch  02.07.2003  19:30 Uhr    Brazil
Der Film war von Anfang an ein Medium, das in enger Verbindung zur Zukunft stand: Die Zeit, die der Film mit seinen 24 Bildern pro Sekunde einzufangen versuchte, schreitet voran in Richtung einer Zukunft, die – in der Tradition von Jahrmarkt und Fortschrittsglaube der gerade erst entstandenen Industriegesellschaft mit ihren Weltausstellungen – aufs Phantastische ausgeschmückt wurde. Méliès, einer der ganz frühen Filmemacher ging denn auch rasch dazu über, neben Zaubertricks auch Jules‘ Verne-Stoffe zu verfilmen, wie z.B. die Reise zum Mond.
Neben hoffnungsfrohen Aufbruchsutopien gebiert die Erfahrung der Moderne aber auch Dystopien, die zukünftige Schreckens-gesellschaften an die Wand malen – oft aus Erfahrung der realexistierenden totalitären Regime (z.B. „1984“ und „Wir“) oder der kapitalistischen Konsumgesellschaft (z.B. „Brave New World“). In all diesen negativen Utopien steht das Schicksal des Dissidenten, des an die perfekte Welt nicht angepassten Anti-Helden, im Vordergrund – ein Stoff, der perfekt im narrativen Erzählkino Hollywoods realisierbar ist, und zu einem ganzen Subgenre negativer Utopien im ScienceFiction-Film ge-führt hat. Im Zentrum dieser Filme steht immer das Problem der Kontrolle des Systems über den Einzelnen. In der idealen Gesellschaft muß der einzelnen genormt sein und die Sicherheit muß gewährleistet sein.
In 1984 und Brazil sind es gewaltige Bürokratien und Überwachungsapparate, die den einzelnen in kafkaeske Kontrollsituationen bringen: Jeder ist verdächtig, der von dem geregelten Tagesablauf abweicht, der durch geringste Abweichung zeigt, dass er die Normung noch nicht in seinen Körper eingeschrieben hat. Minority Report treibt dieses Spiel weiter: Es ist nicht mehr das Verhalten, an dem die Normabweichung manifest wird, es sind die Pahntasmen des Unbewußten, die erkannt werden. Durch Psi-Medien wird die Abweichung schon vorher erkannt und kann bekämpft werden.
Die Sicherheitsphantasien des ScienceFiction-Films sind aber immer auch eng an gesellschaftliche Problemwahrnehmungen seiner Entstehungszeit gekoppelt: In den siebziger Jahren, als mit dem „Grenzen des Wachstums“ die ökologische Frage nach der Ernährung einer immer stärker wachsenden Menschheit gestellt wurde, entstehen Filme wie Jahr 2023 – die überleben wollen..., in denen ein Detektiv herausfindet, dass das Standard-Nahrungsmittel Soylent Green aus Menschen hergestellt wird, und Flucht aus dem 23. Jahrtausend, in dem die Menschen mit 30 Jahren in einem „Erneuerungsritual“ umgebracht werden. Die heutigen Sicherheitsphantasien kreisen vor allem um den menschlichen Körper und die Manipulation von Wahrnehmung. In Matrix und einer Fülle weiterer Virtual Reality-Filmen ist es Technik, die zur Kontrolle in Stellung gebracht wird und die die Menschen letztlich zu Marionetten macht. Die moderne Gentechnik weist einen anderen Weg: In Gattaca ist die gefährliche Abweichung als solche schon im genetischen Code festgeschrieben und damit erkennbar gemacht.

Text: Alexander Sancho Rauschel, Timothy Simms

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