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Akademischer Filmclub an der Universität Freiburg e.V. (seit 1957)

Twisted Realities

Filme dieser Reihe:
 Mittwoch  22.06.2016  20:00 Uhr  En. OmU  Der Prozeß
 Mittwoch  29.06.2016  20:00 Uhr  En. OmU  Possession
 Mittwoch  13.07.2016  20:00 Uhr  Fr. OmU  Der Tod weint rote Tränen
 Mittwoch  20.07.2016  20:00 Uhr  En. OmU  Wrong

Orientierungslosigkeit im Kino

Das Kino eröffnet eigene Realitäten. Realitäten, in denen wir uns an den Bewegungen der Kamera, den dargestellten Räumen, dem Klang orientieren. Schnell wird diese Realität selbstverständlich, sodass wir umso überraschter sind, wenn uns das Kino so unverhofft vor unwirkliche Tatsachen stellt, uns in die Irre führt. Die Reihe Twisted Realities möchte sich diesen Irrwegen, der Orientierungslosigkeit im Kino widmen. Hier werden Zeit, Raum, Identität unsicher, irgendwie "verdreht". Das ist wie im Traum, manchmal auch wie beim Aufwachen, wenn man nicht mehr weiß, wo man als wer gerade angekommen ist. Die Reihe will euch solche Zustände ermöglichen und so beweisen, wozu das Kino im Stande ist. Dabei muss man sich auch nicht auf das technologisch hoch fortgeschrittene, gegenwärtige Kino beschränken. Die Reihe deckt einen Zeitraum von über 50 Jahren ab, von 1962 bis 2013. Dazwischen: Orientierungslosigkeit ohne Kompromisse.

Die Reise beginnt beim Altmeister der Orientierungslosigkeit: Franz Kafka. Orson Welles, selbst Altmeister überwältigender Kinofantasien, hat ihm 1962 mit seiner berühmten Verfilmung Der Prozeß ein Denkmal gesetzt. Und wie man es von Welles kaum anders erwartet, ist es großartig geworden. Die Realität des Beamten Josef K. wird aus ihren alltäglichen Fugen gerissen. Unscheinbare Orte werden zu magisch-vertrackten Labyrinthen, Größenverhältnisse wandeln sich und auch die Zeitvorstellung geht dazwischen abhanden. Überhaupt: Wer ist Josef K. eigentlich? Welles' Kino(alb-)traum verzerrt, was wir zu kennen glauben – hier ist der Begriff "kafkaesk" definitiv angebracht.

Weiter geht es mit obskur-verstörendem Film Possession aus dem Jahr 1981 vom im Februar überraschend verstorbenen Andrzej Zulawski. Hier gerät der Alltag eines Ehepaars durcheinander, als es bemerkt, dass sie eine Affäre mit einem Unbekannten hat. Was er entdeckt, hätte er aber besser nicht entdeckt: Ein grausiges Wesen erscheint, Figuren wechseln ihre Persönlichkeit und alles wird Sex.

Vergleichbar damit ist der jüngste Film der Reihe: Der Tod weint rote Tränen aus dem Jahr 2013. Das Regieduo Hélène Cattet / Bruno Forzani lässt darin einen Mann seine Frau suchen, verliert sich dabei jedoch - in seinem eigenen Mietshaus! Denn was sich dort unter den Bewohnern abspielt, sprengt als Spirale aus Sex und Gewalt jeden Verstand. Anders als bei Welles geht es in diesen beiden hochspannenden Filmen aber weniger um das verlorene Individuum als um Liebesbeziehungen, die sich bald als gefährliche Chaosbeziehungen herausstellen.

Aber das moderne Kino hat auch lustige Verwirrspiele zu bieten: Mit dem Semesterabschlussfilm Wrong des Regisseurs und Musikers Quentin Dupieux ("Mr. Oizo") zeigt sich die Orientierungslosigkeit als ulkiger Alltagssurrealismus. Ein Mann sucht seinen Hund, stößt dabei aber auf immer verrücktere Gestalten. Irgendwann kann er selbst nicht mehr verstehen, wo er sich gerade befindet, denn die Welt, wie er sie kannte, hat sich währenddessen vollkommen verändert.

Am besten also, man lehnt sich gemütlich zurück, stellt den Verstand aus und lässt sich treiben. Hier wird Verwirrung nicht bloß beschrieben, sondern filmisch umgesetzt. Lösungen sind optional, das Erlebnis steht im Mittelpunkt. Nennen wir es eine Achterbahnfahrt des Kinos. Und so abenteuerlich die Achterbahnfahrt auch ist, so süchtig macht sie.

Text: Fabian Lutz

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