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Akademischer Filmclub an der Universität Freiburg e.V. (seit 1957)

Tarr

Filme dieser Reihe:
 Freitag  10.06.2016  18:00 Uhr  Ung. OmU  Satanstango
 Freitag  17.06.2016  20:00 Uhr  Ung./Slowa. OmU  Die Werckmeisterschen Harmonien
 Freitag  24.06.2016  20:00 Uhr  En. OmU  The Man from London
 Freitag  08.07.2016  20:00 Uhr  Ung. OmU  Das Turiner Pferd
Irgendwann letztes Jahr titelte die SZ mal “Ungern in Ungarn” und bezog sich damit auf die Reihe aktueller Krisen, auf Grund derer das Land in den hiesigen Medien immer wieder in schlechtem Licht da steht. Das ist natürlich ein billiger Lacher, der da auf Kosten des Landes eingefahren wird; und bei allen Problemen muss es doch auch irgendwie an der beschränkten Außenperspektive liegen, dass das Land so schlecht wegkommt, oder? Auftritt Béla Tarr. Der Mann ist Ungar, sein ist die Innensicht. Und mit “ungern” ist es beileibe nicht getan, wenn man die Atmosphäre seiner Ungarnfilme Satanstango und Die Werckmeisterschen Harmonien umschreiben möchte. "Untergang" trifft es schon eher. Und die historische Verortung, der spätsowjetische Zerfall hier und das radikale Ideologiengemenge kurz nach Kriegsende dort, das schafft einen erschreckend düsteren Hintergrund, vor dem die aktuellen Krisen brisant an Kontur gewinnen.

Ein politischer Filmemacher also? Nunja, auch. "Zwangsläufig" trifft es vielleicht am besten. Tarr ist mit seinen Filmen ganz nah dran an den (zugegeben äußerst pessimistisch ausgelegten) Bedingungen des Menschseins. Ein Philosoph mit Kamera; einer der unser Zusammenleben seziert und uns nichts Gutes zu berichten weiß. Das ist (vorsichtig ausgedrückt) nicht immer einfach zu ertragen. Aber es lohnt, ungemein.

Alles bisherige beschreibt also den Philosophen Tarr; was aber ist mit dem Regisseur Tarr? Der Regisseur Tarr hat in den 1970er und 80er Jahren eine kleine Zahl mehr oder minder nüchtern-realistischer Filme gemacht, bevor er begann, mit dem (ebenfalls nicht gerade als Optimist zu bezeichnenden) Romanautor László Krasznahorkai zusammenzuarbeiten. Unter dem Einfluss dieser Beziehung änderte sich sein Stil drastisch und nach Damnation, dem ersten Film, zu dem die beiden das Drehbuch gemeinsam geschrieben hatten, folgen in Tarrs Filmographie nur noch die vier Werke, die wir euch dieses Semester zeigen, neben den oben genannten also noch Der Mann aus London und Das Turiner Pferd. Es sind Filme, die klar einer gemeinsamen Quelle entspringen: alle gemeinsam mit Krasznahorkai geschrieben, zwei davon Adaptationen von dessen Romanen, alle von Mihály Víg vertont, von Ágnes Hranitzky geschnitten; auch andere Mitarbeiter tauchen wieder und wieder in Tarrs Abspännen auf. Tarr hatte seinen Stil gefunden.

Dieser Stil ist unverkennbar. Lange, langsame Sequenzen voll schwarz-weißer Ödnis und Leere zeichnen ihn aus; geschnitten wird nur selten, das Leben braucht eben Zeit, um sich vor den Augen des Publikums in all seiner erdrückenden Schwere auszubreiten. Dabei ist Tarr alles andere als Minimalist, manche seiner zehnminütigen Einstellungen haben die Komplexität einstudierter Tanznummern und zeugen von enormer filmemacherischer Disziplin. Aber solche Kabinettstückchen verkommen nie zum Selbstzweck, sondern werden dann gesetzt, wenn es der Film verlangt; meist herrscht dagegen eine Stasis, die der trostlosen Philospophie starr Ausdruck verleiht, ein langsames Überrolltwerden von Kamerafahrten wie von Planierraupen.

Ich bin nicht ganz sicher, ob ich gerade die letzten Reste des Publikums verscheuche, die bisher noch etwas Experimentierfreude in sich verspürten. Ich kann wirklich nur empfehlen, Tarr eine Chance zu geben, gerade weil es auf dem Papier nur halb überzeugend klingt. Es ist eine außeralltägliche Erfahrung (gerade die acht Stunden Satanstango) und bei aller Trostlosigkeit eine echte Bereicherung.

Text: Elmar Offenwanger

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