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Akademischer Filmclub an der Universität Freiburg e.V. (seit 1957)

Migranten essen deutsche Seele auf

Filme dieser Reihe:
 Donnerstag  20.10.2016  20:00 Uhr  En. OmU  Syriana
 Freitag  28.10.2016  20:00 Uhr  OmU  Seefeuer
 Donnerstag  03.11.2016  20:00 Uhr  DF  Children of Men
 Donnerstag  10.11.2016  20:00 Uhr  Dt. OV  Grenzfälle
Die aktuellen Migrationsbewegungen nehmen in den (sozialen) Medien viel Raum ein, wobei der Tenor vieler Artikel und Beiträge nach dem Motto gestrickt ist „die Flut schwappt über uns und schwemmt unser Geld und unsere Kultur weg“. Derartige Schlagzeilen dürften zum Teil darauf zurückzuführen sein, dass Medien durch reißerische Formulierungen Aufmerksamkeit erreichen können(na, wie viele von euch lesen diesen Artikel aufgrund der provokanten Überschrift?). Allerdings sind die Kommentare wohl nicht nur ein Produkt von Geltungssucht und kommerziellem Gewinnstreben, sondern auch ein Zeugnis von weit verbreiteten Ängsten vor Migration. Das ist kein neues Phänomen, schon Fassbinder filmte in den 70ern mit Angst essen Seele auf dagegen an und warb für pragmatische gegenseitige Toleranz. Abseits der viel diskutierten Frage, ob Deutschland eine oder zwei Millionen Migranten finanziell verkraften und integrieren kann, möchte diese Filmreihe Position beziehen gegen Verteilungskampfrhetorik, europapolitische Apathie, Fremdenfeindlichkeit und das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen. Zu diesem Zweck soll das Thema Migration anhand damit verknüpfter inhaltlicher Schwerpunkte umkreist werden.


Zunächst stehen mögliche Ursachen für die Fluchtbewegungen im Vordergrund. Während Krieg in den Augen vieler Menschen noch als Fluchtgrund verständlich zu sein scheint, stoßen Armut und Perspektivlosigkeit als Fluchtmotiv auf deutlich weniger Akzeptanz. Das in der öffentlichen Debatte häufig präsente Bild des „Wirtschaftsflüchtlings“, der sich unrechtmäßigerweise in Europa bequem ins
von anderen gemachte Bett legen wolle, lässt jedoch außer Acht, wo die Rohstoffe für das Bett gewonnen und unter welchen Bedingungen sie weiterverarbeitet werden. Nur selten wird bedacht, dass das, was die vermeintlich rechtmäßigen Inhaber des Betts tagsüber tun, auch Auswirkungen auf die Menschen in den Ursprungsländern haben könnte. Angesichts der Mitverantwortung der westlichen Länder für die Zustände in vielen Entwicklungsländern stellt sich durchaus die Frage, ob die den Geflüchteten vorgeworfene Bequemlichkeit und das angebliche Profitieren von fremder Hände Arbeit nicht eher unsere eigenen Laster sind. In Syriana, dem ersten Film der Reihe, werden derartige Zusammenhänge behandelt: zwischen Auswirkungen des Kapitalismus, westlichem Interventionismus, der Identitätskrise in der islamischen Welt und dem Aufstieg des Islamismus. Auf diese Weise sollen mögliche Gründe für die Fluchtbewegungen betrachtet und einigen pauschalen Vorwürfen begegnet werden.


Der zweite inhaltliche Fokus der Reihe möchte eine Begleiterscheinung der Migrationsbewegungen beleuchten: die politische Krise Europas. So haben europapolitische Apathie und Entsolidarisierung (sowohl bezüglich der Geflüchteten, als auch unter den Ländern) in Europa zugenommen. Die Mittelmeerstaaten müssen hierfür gerade den Preis zahlen, da die Fluchtwege sich nach der Schließung der Balkanroute nun wieder aufs Wasser verlagern. Ohne eine funktionierende solidarische Verteilungspolitik werden diese Länder mit den Migranten alleine gelassen, wobei eine umfassende Lösung durch die aktuelle politische Handlungsunfähigkeit der EU verhindert wird. Die daraus erwachsende Hilflosigkeit äußert sich in verzweifelten Aktionen wie dem Weiterwinken der Migranten, darauf folgenden Androhungen von Grenzkontrollen, sowie dem Ruf nach Aufrüstung von Marinen und Migranten essen deutsche Seele auf Küstenwachen. Im Zuge dessen verdienen die Schlepper Unsummen und viele Geflüchtete finden auf den immer riskanteren Überfahrten den Tod. Dieser Problematik widmet sich der Film Seefeuer(Fuocoammare), der die Situation auf Lampedusa dokumentiert.


Die politische Krise Europas zeigt sich auch in einem Aufschwung des Rechtspopulismus. (Neu-) rechte Bewegungen bauen auf Ängste vor dem sozialem Abstieg, der „kulturellen Überfremdung“ und dem Terrorismus und nutzen dabei die Migrationsbewegungen als geistigen Brandbeschleuniger. In der Folge kommt es nun zu einer Zunahme von Fremdenfeindlichkeit in Gedanken, Worten und Werken. Zudem werden Rufe laut nach dem starken Staat, der Einschränkung von Grundrechten und der Abschaffung der offenen Grenzen in Europa. Was aber würde ein Europa von abgeschotteten „illiberalen Demokratien“ ohne umfassende Menschenrechte und ohne Solidarität mit den Schwachen bedeuten? Der Film Children of Men zeichnet ein solches Szenario. Für den Gegenentwurf, ein Europa der offenen Grenzen und der Solidarität, setzt sich hingegen Grenzfälle ein, der letzte Film der Reihe.

Text: Phillip Maiwald

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